Gemeinsam Wege finden in schwierigen Zeiten
Als Militärdekanin bin ich oft zu offiziellen Anlässen der Bundeswehr eingeladen. Dieses Frühjahr hat mich eine Verabschiedung sehr beeindruckt. Ein ranghoher Offizier geht nach 47 Jahren in den Ruhestand. Vor großer Versammlung und angetretener Truppe gibt er einer Erleichterung Ausdruck. Er berichtet dankbar, dass er in 47 Jahren keinen einzigen Schuss abgeben mußte. 47 Jahre war er Soldat und hat aus seiner Perspektive dem Frieden gedient. Er macht eine nachdenkliche, spürbare Pause und sieht die Menschen, die teilweise sehr jungen Menschen vor sich an. „Ich wünsche Ihnen allen das auch so sehr“, sagt er. Wenn man seine Rede hört, könnte man denken, dass er von einer langen Friedensperiode erzählt, in die seine Dienstzeit gefallen ist. Doch herrschte seit Ende des zweiten Weltkrieges, kein Frieden auf der Welt. Immer gärt es irgendwo, ständig sind Gewalt und Kämpfe die Realität von Menschen und Völkern. Immer wieder scheitern Diplomatie und Friedensinitiativen. Umgeben von dieser traurigen Realität diskutieren wir in unserer Gesellschaft lebendig und emotional über das Thema Wehrpflicht. Die einen sehen in ihr einen Beitrag der Friedenssicherung, die anderen lehnen es kategorisch ab in irgendeiner Weise zu einem Dienst verpflichtet zu werden. Dazwischen viele Schattierungen von Meinungen. In meinem Arbeitsumfeld Bundeswehr höre ich meistens entschiedene Kritik zum Thema Wehrpflicht.
Man dürfe und könne keinen Menschen zwingen einen Dienst an der Waffe zu tun. Und dem stimme ich vollkommen zu.
Am Ende ist es wichtig im Einklang mit eigenem Gewissen und Werten einen Weg zu finden.
Als nächstes denke ich: Es wäre so nötig und wichtig, dass Menschen in unserer Gesellschaft Dienst leisten in einer Form, die sie freiwillig wählen können. So unterschiedlich wir sind und so plural unsere Ideen, wie der Frieden auf dieser Welt gestaltet werden könnte, fängt es für mich als erstes mit dem sozialen Frieden an. Und dieser entsteht aus einer Gesellschaft mit Gemeinschaftsgeist und Solidarität. Wo Menschen einander kennenlernen und sich füreinander engagieren wächst das Miteinander. Vielleicht kann trotz ideologischer Unterschiede Gesprächskultur wachsen. Jesus inspiriert mich dazu. Er empfing voller Respekt und Freundlichkeit den Hauptmann Cornelius, der ihn um Hilfe für einen Diener bat. Er war zu Gast bei Pharisäern und dem Zöllner. Jesus nivellierte die Unterschiede zwischen den Menschen. Jesus nahm die in den Dienst, die ihm folgen wollten. Alles ohne Abwertung. In seiner Nachfolge dürfen wir unterschiedlich bleiben. Unsere Wege zum Frieden sind sicherlich, je nach unserer Prägung, auch sehr verschieden. Rechtserhaltende Gewalt im Notfall anzuwenden und damit die Freiheit und die Rechtsordnung zu schützen ist ein möglicher politischer Weg. Dafür stehen Soldatinnen und Soldaten.
Ich habe mit einer befreundeten katholischen Theologin auch über andere Wege diskutiert und fand es spannend. Gewaltfreier Widerstand in großer Bedrängnis, Besatzern und Invasoren nichts entgegensetzen: Ganz andere Dimensionen von Widerstand.
Am Ende ist es wichtig im Einklang mit eigenem Gewissen und Werten einen Weg zu finden.
Nur eines ist für mich entscheidend: Den Glauben nicht für die eine oder andere Position zu vereinnahmen. Jesu Botschaft ist Inspiration. Seine Gebote sind Herausforderung in einer ständig gewalttätigen Welt. Seine Predigten und Wunder sind Quelle von Hoffnung, dass es auch anders geht als einander zu bekämpfen und dass jedes Menschen Leben zu achten ist.
Sandra Mehrl, Ulm